Mein Yoga Weg

„Der Weg des Yoga ist einzigartig. Yoga ist einzig und alleine eine Erfahrung und die muss man erleben, um sie zu kennen“ Patanjali


Wenn ich mich und mein Leben heute beobachte, sehe ich einen spannenden Weg, den ich gegangen bin, in dem Yoga eine absolut prägende Rolle spielte und heute immer noch spielt. Es handelt sich um den Weg zu mir, zu meiner wahren Essenz, zu meiner Seele. Die Reise war nicht immer einfach, im Gegenteil aber im Nachhinein betrachtet, macht jeder Schritt absolut Sinn. Wie es angefangen hat, wie ich zwischendurch gestolpert bin und was mir immer wieder die Kraft geschenkt hat, aufzustehen und weiter zu machen… dies werde ich hier erzählen.


Ich möchte diesen Text für meine Yoga Schüler schreiben und für all die Menschen, die sich für einen wahrhaftigen Weg interessieren. Es soll eine Inspiration sein für die, die sie brauchen.


Damit möchte ich auch ein bisschen Yoga von dem „Podest der Heiligkeit“ runternehmen... und wenn du den ganzen Text lesen wirst, wirst du verstehen, was ich damit meine.


Ich bin in Italien in der Nähe von Mailand in einer absolut atheistischen Familie aufgewachsen. Spiritualität war für mich ein fremdes Wort: sie wurde mir von meinem Umfeld weder gegeben noch wurde sie in irgendeiner Form praktiziert. Ich ging zum Gymnasium und danach studierte ich Sprachen und Literatur an der Uni, wie es in Italien üblich ist. Ich wusste nicht, was ich im Leben machen wollte: ich studierte, um mit dem Diplom einen besseren Job finden zu können. Was jedoch mein Herz tief berührte und was für einen Job ich gerne machen möchte, war mir damals völlig unbekannt. Die Jahre der Universität empfand ich als sehr schwer und sinnlos. Ich konnte keine Leidenschaft und keinen besonderen Sinn für das was ich tat spüren. Ich hab schließlich nur funktioniert.


Neben dem Studium arbeitete ich als Fitness Instruktorin in verschiedenen Fitness Studios der Provinz. Es gefiel mir und ich hatte Spass daran, zumindest am Anfang. Bald merkte ich aber, wie diese oberflächliche Welt des Fitness tatsächlich zu meinem wahren Wesen nicht passte und ich fühlte mich dort allmählich nicht dazugehörig. Trotzdem blieb ich dieser Arbeit lange treu, 10 Jahre lang sogar…


Ich war anfangs 20 und ich spürte eine tiefe Leere in mir. Alles was ich damals gemacht hatte, hatte aus meiner Sicht sehr wenig Sinn. Ich hatte meinen Platz in dieser Welt noch nicht gefunden, geschweige denn den Sinn des Lebens.

Und nun kam die richtige Enttäuschung: mit 24 war ich mit der Uni fertig und fand, Dank meines Vaters den ersten Job in Mailand. Nach dem ersten Tag hatte ich zumindest die tiefste und deutlichste Erkenntnis meines Lebens erlangt: „Das will ich nicht mein ganzes Leben lang machen! Und ich werde alles daran setzen, damit es anders wird“. Mit einem Uni Diplom in der Hand hatte ich „endlich“ einen Data Entry Job gefunden, für den ich sehr schlecht bezahlt wurde und wo ich am besten hätte mein Gehirn dabei ausschalten müssen! Was für ein Glück!

Ich war total unglücklich und frustriert… und richtig, richtig tief traurig. Soll mein Leben bis zum Tod so aussehen? Wirklich?? Meine Enttäuschung und meine Gefühle durfte ich aber nicht laut aussprechen, weil man in Italien sich als glücklich schätzen muss, wenn man überhaupt einen Job findet. Wenn man es nicht tut, ist man undankbar… Dass der Job auch noch Spass macht, das ist völlig unwichtig! Ich war auf jeden Fall anderer Meinung…


In diesem Trubel sehnte ich mich oft nach Ruhe und inneren Frieden. Die Welt drehte sich und ich hatte das Gefühl einfach nur aussteigen zu wollen… Ich erfuhr von einem Yoga Workshop in Mailand an einem Samstagnachmittag und ohne zu wissen, was es genau war, meldete ich mich mit einer Freundin an. Wir fuhren dahin mit dem Zug und wir wussten nicht, was uns erwartet. Wir waren jedoch ein wenig aufgeregt. Wir kamen an die Adresse an: es war ein altes Gebäude in Mailand mit einem sehr alten Tor. Wir klingelten und die Yoga Lehrerin liess uns rein. Sie war schon etwas älter und sie trug weiße Klamotten. Durch die Räucherstäbchen und Kerzen roch der Raum sehr exotisch und irgendwie wunderbar… wir durften Platz nehmen. Alles war liebevoll vorbereitet und eingerichtet und der innere Frieden schien fast gesichert! 😊 Ich weiss nicht mehr, was wir dort gemacht haben… Es war kein traditionelles Yoga, wie man es kennt… aber ich weiss, dass es uns super gefiel und wir gingen für eine gewisse Zeit immer wieder zu dieser Frau am Samstagnachmittag nach Mailand. Es war unser Highlight, unsere Oase, unser Anker und unser Licht. Meine Freundin ist übrigens heute auch Yoga Lehrerin.


Nach 8 Monaten fand ich einen neuen Job. Es war nicht mehr so schlimm, aber auch nicht ansatzweise das was ich ein Leben lang hätte machen wollen… Aber Alice, was willst du denn machen ?? Naja, keine Ahnung… das wusste ich immer noch nicht. Ich hatte nach wie vor das Gefühl, dass es etwas mehr geben muss und dass ich hier in dieser Welt bin, um etwas Sinnvolles für andere Menschen zu tun. Ich wollte Menschen etwas Gutes tun und somit den Sinn meines Seins spüren. Aber was denn? Keine Ahnung. Das Gefühl meldete sich aber sehr stark und verbreitete sich immer tiefer in mir drin.

Durch die vielen Stunden im Fitnessstudio und im Büro bekam ich richtige Rückenschmerzen und ich fühlte mich total erschöpft. Ich konnte kaum noch stehen oder richtig liegen vor lauter Schmerzen.


Ein Tag war ich in einem Buchladen und stolperte auf ein besonders Buch: „Il grande libro dello yoga“ von Gabriella Cella, eine sehr bekannte Yoga Lehrerin in Italien. Das Buch kaufte ich sofort und ich fand es extrem inspirierend. Ich habe es verschlungen. So finge ich an jeden Abend nach der Arbeit das Buch durchzugehen und alle Asanas (Yoga Übungen), die darauf abgebildet waren, zu praktizieren. Auf diesem Weg etablierte ich eine eigene tägliche Yoga Praxis ohne jegliche Kenntnisse über Yoga zu haben. Bald merkte ich, dass diese Übungen mich zur tiefen inneren Ruhe brachten und meine absolute Erschöpfung war weg. Meine Rückenschmerzen wurden gelindert. Innerhalb kürzester Zeit wurde diese Praxis für mich unverzichtbar und Yoga wurde zu einem grossen Anker, der mir ein Wohlfühlgefühl im Trubel des Alltags verlieh. Meine Neugier war unstillbar, ich habe Bücher und Zeitschriften gekauft und verschlungen… ich wollte mehr wissen, und noch mehr, und noch mehr… In meinen Fitness Stunden fing ich an Yoga-Übungen, Atemübungen und längere Stretching Zeiten am Ende der Stunde einzubauen und meine damaligen Schülerinnen liebten es und verlangten nach mehr. Es war der Anfang von meinem wunderbaren Lebensweg. Ich wusste es damals noch nicht, ich konnte nicht erahnen, wie weit ich noch laufen würde… aber der Samen war gesetzt und somit auch ein wenig Frieden im Herzen.


Mit 28 hat mich das Leben und die Liebe in die Schweiz katapultiert. Somit war die Zeit der Fitness Studios endgültig vorbei. Kurz nach dem Umzug meldete ich mich für die erste Vinyasa Yoga Lehrerausbildung an. Eine neue grosse Tür ging für mich auf. Plötzlich war Yoga viel mehr als nur Körperübungen. Ich kam in Berührung mit der Welt des Naads, des Klangs durch die indischen Mantren, mit ihrer Kraft, die mich sofort mitgenommen hat und, ganz wichtig, ich kam in Kontakt mit der Idee des Göttlichen, was für mich bis dahin inexistent war. Dieses Konzept der Anbindung zu etwas Größerem, was eigentlich tief in mir drin ist, war für mich völlig neu und fühlte sich so gut an. Ich fing an, eine tägliche Power Yoga Praxis durchzuführen. 1,5 Stunden, jeden Tag, um jeden Preis. Mein Körper veränderte sich allmählich, ich konnte mich plötzlich in anspruchsvolle Asanas hineinbiegen, die ich nie gedacht hätte, dass ich sie je hätte machen können. Meine Hingabe für diese Praxis war total und allumfassend, ich wurde EINS mit meiner Praxis. Die körperlichen Veränderungen wiederspiegelten noch tiefere seelische Veränderungen. Meine Durst nach Wissen und noch tieferen Erfahrungen war brennend. Im Aussen war die Welt immer noch ein Chaos: neues Land, keine Wurzeln mehr, meine Familie und Freunde waren weit weg, neue Sprache, neue Kultur, neue Sitten… neues Leben… ein Achterbahn von Tiefen und Höhen und dann meine Yoga Praxis. Sie hat mich durch das ganze Karussell des neuen Alltags getragen, sie hat mich getröstet, beruhigt, berührt und gerührt. Mein Yoga war da, egal was passierte. In diesem besonderen „Space“ war ich auch ganz da, ganz mit mir und, ja, mit dem Göttlichen in mir verbunden.


Es war die Zeit von meinen ersten Reisen nach Indien. Dort kam ich noch tiefer in Kontakt mit den Wurzeln des Yogas, mit der Kultur und dem uralten Wissen, aus dem Yoga entstand. Indien und Spiritualität sind EINS. Dort wird Spiritualität im Alltag rund um die Uhr praktiziert und gelebt, die Hingabe an das Göttliche ist konstant und überall. Den Geruch von alten Traditionen spürt man in jeder Ecke, in jedem Hinblick… Indien und ihre Paradoxen berührten meine Seele ganz tief und ließen mich zum ersten Mal richtig bei mir ankommen. Ich weiss seitdem, wie es sich anfühlt zu Hause zu sein. Indien wurde zu einem unverzichtbaren Reiseziel jedes Jahr. Ich reiste durch das Land, vom Norden bis in den Süden. Ich war in vielen Tempeln, betete zu jedem Gott, nahm an vielen Pujas (Ritualen) teil, stand mit meinen Füßen im Ganga (der heilige Fluss), praktizierte Yoga an vielen besonderen Orten, traf Mönche unterschiedlicher Traditionen, manchmal staunte ich einfach nur vor der Schönheit und der Mystik einiger Landschaften…

Nach der ersten Yoga-Lehrer-Ausbildung, folgte noch eine zweite, dann eine dritte und eine vierte… Durch meine tägliche Yoga Praxis, die sich über die Jahre vertiefte und veränderte, lernte ich allmählich mich und den Ruf meiner Seele ernstzunehmen und ihm zu folgen. Das Leben hat mir immer wieder knallhart gezeigt, dass wenn ich es nicht tue, gibt es Konsequenzen, die ich sofort spüren darf. Ich durfte viel lernen und erfahren, wurde mehrmals aus der Bahn geworfen und durfte den Weg wiederfinden. Dank Yoga konnte ich die Höhen und Tiefen des Lebens durchstehen und mich auf meiner in mir tief innewohnenden weiblichen Shakti-Kraft beziehen. Diese tägliche Präsenz hat mir Vertrauen, Zuversicht, Sicherheit, Trost, Liebe, Verbundenheit, Geborgenheit und tiefe Hingabe geschenkt, in erster Linie zu mir selbst. Ich durfte mich immer deutlicher verstehen und wahrnehmen. Yoga war und ist heute noch mein intimer Weg zu den Tiefen meiner Seele und ist schließlich zu meinem Leben geworden.


Als ich 24 Jahre alt war, versprach ich mir selbst nach dem ersten Arbeitstag „Das will ich nicht mein ganzes Leben lang machen! Und ich werde alles daran setzen, damit es anders wird“. Heute, fast 20 Jahre später, kann ich sagen, dass ich mein Versprechen gehalten habe. Ich habe mein eigenes Yoga Studio mit liebevollen Schüler, die auch auf dem Weg der Heilung und der Selbsterkenntnis sind. Und, ganz wichtig für mich, ich bin im Mentoring Prozess, um Ausbilderin für Kundalini-Yoga zu werden.

Meine innere Stimme war damals schon richtig und sie hat von Anfang an laut mit und in mir gesprochen: „Es gibt definitiv etwas mehr und du bist hier, um den Menschen Licht zu schenken“. Und jetzt weiß ich, dass sie Recht hatte. Ich darf heute meine Erfahrung teilen und für andere Menschen mit meinem Wissen, meiner Hingabe und meinem Glauben in der transformativen und heilsamen Kräften des Yogas zur Verfügung stehen. Ich darf immer mehr Menschen auf ihrem persönlichen Weg begleiten und berühren. Heute weiß ich, dass ich mit 24 nicht undankbar war und auch nicht verrückt oder naiv. Ich habe es immer gewusst, wo mein Weg hingeht. Ich durfte nur lernen, meiner inneren Stimme zu vertrauen.


So, ja… ich kann es wirklich sagen: Um Yoga zu machen, muss man nicht heilig sein. Heilig macht uns Yoga durch die Hingabe an das Leben und an die Bereitschaft sich selbst zu entdecken und zu entwickeln, durch die Suche nach mehr Bewusstsein und Achtsamkeit im chaotischen Alltag. Wie ein roher Diamant lässt man sich schleifen, geht man durch tiefe Prozessen und lässt sich vom Leben hingebungsvoll führen. Das ist für mich Yoga. Mögest du dich inspirieren lassen und dich trauen deinen rohen Diamanten zu polieren und deine tief innewohnende Schönheit strahlen lassen.


Sat Nam

Alice Pavan Bani Kaur